Überall auf der Welt hat die GFK (Gewaltfreie Kommunikation) Menschen inspiriert, und sie tut dies auch heute noch mit wachsender Geschwindigkeit. Zahlreichen Erhebungen zufolge steigert die Gewaltfreie Kommunikation sowohl die Fähigkeit, sich auf einer tiefen emotionalen Ebene mitfühlend mit sich selbst und mit anderen zu verbinden, als auch die Fähigkeit, starke und auch langzeitige Differenzen friedvoll aufzulösen. Außerdem geht aus jenen Berichten hervor, dass die Wirkung des GFK-Trainings über die Zeit sogar erheblich zunimmt und nicht auf dem anfänglichen Niveau bleibt.
Marshall Rosenberg hat die Gewaltfreie Kommunikation ins Leben gerufen und Menschen aus unterschiedlichen Schichten darin unterrichtet. Darunter waren auch Personen, die anschließend selbstständig das GFK-Training während ihrer Arbeit und in ihrer Gemeinde gelehrt haben.
Was verstehen wir in der GFK unter Gewalt?
In der GFK versuchen wir Bewertungen zu vermeiden und Werturteile zu fällen. Der Unterschied liegt darin, dass Bewertungen ein Schwarz-Weiß-Denken fördern, wohingegen Werturteile die eigene Wahrnehmung und die eigene Meinung betonen.
Bewertung: Was ist richtig/ gut – falsch/ schlecht/ böse? Wer hat Recht – Unrecht?
Werturteil: Was ist mir wichtig? Wie finde ich etwas?
Tu das, was ich dir sage! Mach das nicht! Du bist unverschämt! – Hinter all diesen Sätzen steckt der Gedanke bzw. die Haltung „Ich stehe hierarchisch über dir und ich darf bestimmen, was du tust oder wie du bist oder zu sein hast.“. Befehle und Bewertungen sehen wir – genau so wie körperliche Grenzüberschreitungen – ebenfalls als Übergriffe an.
Tag für Tag erleben wir die multiplen Gesichter von Gewalt – daheim, auf der Arbeit und auf den Straßen. Neben der körperlichen und physischen Gewalt, welche wir meist auf Anhieb erkennen und als eindeutig einstufen, legen wir in der GFK großen Wert darauf, auch auf jede Art psychischer und emotionaler Gewalt zu verzichten. Forderungen und Interpretationen oder Urteile über uns selbst oder andere deuten auf verborgene und unerfüllte Bedürfnisse hin, die wir ergründen wollen.
Analysen und Diagnosen, sowie moralische Urteile („Du bist unverschämt!“) legen den Fokus auf das, was bei uns oder bei anderen nicht stimmt. Solch eine Sichtweise sehen wir in der GFK als Kommunikationshürde an, die uns davon abhält, wertschätzend und vertrauensvoll miteinander in Kontakt zu treten. Auch Forderungen („Räum‘ dein Zimmer auf!“) sind uns ein Dorn im Auge, da sie lediglich zwei Alternativen bieten – Rebellion oder Unterwerfung. Unser Gegenüber leistet entweder Widerstand oder gibt nach. Diese Haltung und Ausdrucksweise bezeichnet Rosenberg als die ‚Wolfssprache‘. Mit ihr sind die meisten von uns groß geworden, sodass es uns schwerfällt, die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu übernehmen. In der sogenannten ‚Giraffensprache‘ hingegen schauen wir darauf, was in uns lebendig (Gefühle und Bedürfnisse) ist, und wie wir unser eigenes oder das Leben anderer Menschen bereichern können. Rosenberg spricht hierbei von der Schönheit der Bedürfnisse, an der wir teilhaben können, wenn wir unsere oder die Bedürfnisse anderer erfüllen. Wir stellen Bitten statt Forderungen und drücken Empathie für den Anderen aus. Wir sind ernsthaft daran interessiert, die Gefühle und Bedürfnisse unseres Gegenübers verstehen zu wollen und hören aufmerksam zu, was der andere zu uns sagt. Auf diese Weise sind wir empathisch und tragen dazu bei, dass innige und gleichzeitig wertvolle Beziehungen entstehen können.
Beispiel:
Person A: „Mein Chef hat mich heute total runter gemacht!“
Person B: „Bist du traurig (Gefühl), weil dir Wertschätzung (Bedürfnis) wichtig ist?“
Über das Leben von Dr. Marshall B. Rosenberg, Ph.D. (* 1934 – † 2015)
Mehr über das Leben und Werk von Marshall B. Rosenberg erfährst du in unserem ausführlichen Biografieartikel.
Die 4 Schritte der Gewaltfreien Kommunikation
Eine ausführliche Erklärung aller vier Schritte mit Beispielen und Übungsfragen findest du hier: Die vier Schritte der GFK.
Wie wird die Theorie in die Praxis umgesetzt?
Mögliche Anwendungsformen der GFK sind zum Beispiel:
„Wenn ich sehe (Beobachtung), wie du wortlos an mir vorbeigehst, dann fühle ich mich traurig (Gefühl), weil ich gesehen werden (Bedürfnis) möchte. Würdest du mich bitte anschauen und „Hallo“ sagen, wenn wir uns zufällig über den Weg laufen (Handlungsbitte)?“
„Wenn ich höre (Beobachtung), wie du sagst: „War klar, dass du wieder so etwas sagst! Solch ein inkompetenter Kommentar kann naürlich nur von dir kommen.“, dann bin ich unsicher (Gefühl), weil mir Offenheit und ein respektvolles Miteinander (Bedürfnisse) wichtig sind. Magst du mir sagen, wie es dir damit geht (Beziehungsbitte), wenn du das so von mir hörst?
„Als ich mich dabei ertappt (Beobachtung) habe, dass ich mich selbst in meinen Gedanken einen „elenden Feigling“ nannte, da war ich frustriert (Gefühl), weil ich gerne mehr Selbstachtung hätte und ich Selbstvertrauen (Bedürfnisse) brauche. Was kann ich jetzt mit dieser Erkenntnis anfangen und was kann ich dafür tun, um mit meinem Frust zurechtzukommen (Bitte an mich selbst)?
Wofür bin ich dankbar?
In der Gewaltfreien Kommunikation liegt sehr viel Kraft und wir können diese nutzen, um Energie zu schöpfen, als auch um anderen Menschen gegenüber unsere Wertschätzung auszudrücken. Dies kann so aussehen, indem wir „Danke“ sagen für etwas, was andere für uns getan haben, und wodurch sie unser Leben bereichert und schöner gemacht haben.
Für Marshall Rosenberg war es immer wichtig, auf der einen Seite das Leben zu feiern, aber andererseits auch gerade den Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, die wir bedauern, denn sowohl das Schöne als auch das Unschöne. Beides ist Teil unseres Lebens – verleugnen wir eins von beidem, verleugnen wir ein Stück weit auch uns selbst. Wir feiern ein schönes Gefühl, wenn ein Bedürfnis erfüllt (worden) ist und bedauern Gefühle, wenn wir seelischen Schmerz empfinden und unsere Sehnsüchte oder unsere Triebe (scheinbar) nicht befriedigen können.
„Das Ziel ist es, all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen. Was auch immer sich in uns offenbart, es ist das Leben, das sich darin zeigt, es ist immer ein Geschenk, sich damit zu verbinden.“
Marshall Rosenberg
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